Geschichte
Die Wurzeln der Osteopathie findet man in den Vereinigten Staaten von Amerika des 19. Jahrhunderts und gehen auf den Arzt Andrew Taylor Still (1828-1917) zurück.
Andrew Taylor Still stand der Medizin seiner Zeit sehr kritisch gegenüber.
In seiner Kindheit und Jugend bediente sich diese Medizin überwiegend zweier Behandlungsmethoden, dem Aderlass (oft bis zur Bewußtlosigkeit) und der Gabe von Quecksilberchlorid (Kalomel) zur Entschleimung. Mit vierzehn Jahren wurde Still selbst mit Kalomel behandelt und erlebte am eigenen Leib die Auswirkungen einer Quecksilbervergiftung. Später machte er diese Behandlung für seine Zahnprobleme verantwortlich.
Als Sohn eines "Weisen von der Kanzel", sein Vater war ein Methodistenprediger und wurde auch in medizinischen Angelegenheiten um Rat gefragt, sah Andrew Taylor Still schon von seiner Kindheit an die enge Verbindung von ärztlicher Tätigkeit und Seelsorge. Wenn Andrew Taylor viele ärztliche Methoden auch ablehnte, so war für ihn und damit später für das osteopathische Konzept die Seelsorge und Lebenshilfe für den Patienten untrennbarer Bestandteil des medizinischen Handelns.
In den folgenden Jahren lernte Still Medizin, wie damals fast überall in Amerika, durch die Praxis. Dabei probierte er verschiedene Dinge aus und eignete sich Wissen von Knocheneinrenkern, Hebammen, Therapien mit Wasserkuren und anderem an. Und er war auch längere Zeit in intensivem Kontakt mit Indianern, die unter anderem von seinem Vater missioniert wurden. Zu dieser Zeit in Kansas begann seine Philosophie langsam Gestalt anzunehmen, durch Studieren, Nachforschen und Beobachten.
Während des amerikanischen Bürgerkrieges arbeitete Still in der Tätigkeit eines Chirugen auf Seite der Nordstaaten. In dieser Zeit verstärkte sich seine Unzufriedenheit mit der allgemein angewandten Medizin weiter, und als er hilflos zusehen musste, wie vier seiner Kinder starben, beschloss er in seinem Kummer neu zu studieren und nach den richtigen Mitteln zu suchen. So besuchte er unmittelbar nach dem Bürgerkrieg die Schule für Ärzte und Chirugen in Kansas City. Er war aber von den Lehren dort so angewidert, dass er auf sein Diplom verzichtete und ein Eigenstudium begann, dass viele Jahre dauerte.
Erst über zwanzig Jahre später, nachdem Still über tausend anatomische Sektionen durchgeführt und auch die Gesetze der Natur genauestens untersucht hatte gründete er 1892 die erste Schule für Osteopathie in Kirksville, Missouri.

A. T. Still inmitten der ersten Klasse der Osteopathieschule 1892-93 (© Still National Osteopathic Museum)
Ein direkter Schüler Stills an dieser Schule war unter anderem William Garner Sutherland. Sutherland erweiterte Stills Konzept von den Selbstheilungskräften um einen weiteren Aspekt, den er den cranio-sacralen Bereich der Osteopathie nannte. Bei der Betrachtung eines anatomischen Schädelpräparats kam ihm die Überzeugung, dass der knöcherene Schädel eines Menschen nicht nur fest und rigide sei, sondern Elastizität und Biegsamkeit besitzt, die für die Gesundheit von großer Bedeutung ist. Diese Mobilität erlaubt dem Stoffwechsel, beispielsweise des zentralen Nervensystems, sich angemessen zu entfalten. In einem Selbstversuch fixierte er mit einem Helm diese subtile Mobilität des Schädels und, je nachdem wo er diese Mobilität am Schädel eingeschränkt hatte, gelang es ihm charakteristische Symptome hervorzurufen.

William Garner Sutherland (© Still National Osteopathic Museum)
Nach diesem Selbstversuch erforschte Sutherland die Möglichkeiten, die diese Erkenntnis für die Behandlung haben könnte, und 1929 stellte er nach Jahren der Forschung zum ersten Mal auf einem Kongress sein cranio-sacrales Behandlungsmodell vor. Ein ganzheitliches Modell, dass die Selbstheilungskräfte in den Mittelpunkt stellt und dafür unwillkürliche, aber kräftige Mechanismen zur Behandlung zu nutzen weiß. Er erweiterte und vertiefte seine Arbeit bis zu seinem Tod 1954 kontinuierlich und zeigte mit seiner Arbeit am Patienten die Effektivität seiner Erkenntnisse in der Praxis.
Heutzutage ist die Osteopathie in den Vereinigten Staaten in allen Bundesstaaten anerkannt, hat sich aber dort in vielfacher Hinsicht der Schulmedizin weit angenähert und die Grundprinzipien verlassen.
Man könnte sagen, dass die philosophische Grundlage in Europa zur Zeit mehr gepflegt wird, als im Ursprungsland der Osteopathie.
Nach Europa kam die Osteopathie 1902 über Großbritannien und breitete sich über Frankreich auf den Kontinent aus. In Deutschland hat die erste Schule für Osteopathie Ende der 80er Jahre mit der Ausbildung begonnen. Hier ist die Osteopathie also noch recht jung und nicht so bekannt, wie zum Beispiel in England, Frankreich oder Belgien.
Die Bezeichnung unseres Berufes geht aus den beiden griechischen Begriffen `Osteon` und `Pathos` hervor. Im klassischen Sinne bedeutet `Osteon` zu deutsch Baustein oder auch Knochen, und `Pathos` steht für Leiden und Erfahrung. Man kann die Bezeichnung auch so erklären, dass man über die Knochen, sprich den Bewegungsapparat und den Schädel die unterschiedlichsten Leiden und Krankheiten beeinflußen kann.